Vor einiger Zeit (genauer: vom 27. November bis 02. Dezember 2006) fand die Ubuntu Open Week statt. Die UOW war eine Veranstaltung, bei der man erfahren konnte wie man Ubuntu bzw. Kubuntu unterstützen kann, also beispielsweise durch Melden von Bugs, Übersetzen von Programme oder Paketieren von Software. Am Dienstag Abend stellte sich der Gründer von Ubuntu, Mark Shuttleworth, zwei Stunden lang den Fragen der Community.
Das Log im englischen Original kann hier nachgelesen werden. Ursprünglich wollten wir die übersetzte Variante auf http://www.kubuntu-de.org veröffentlichen, das ist aber leider etwas untergegangen. Ich fände es aber schade, wenn das Dokument im Archiv versauert, weil es doch einige interessante Aussagen von Mark Shuttleworth beinhaltet.
Deshalb hier ein paar Auszüge aus der Fragestunde an Mark. Die Nicks der Fragesteller wurden weggelassen.
Können wir mehr bezahlte Entwickler für Kubuntu erwarten? Wenn ja, wann? Gestern, in der Kubuntu Sitzung, wurden wir darüber informiert, dass es immer noch nur einen bezahlten Entwickler gibt. Am Linuxtag (Mai 2006) gab es das Versprechen mehr Leute von KDE anzustellen, die an Kubuntu arbeiten.
Ja, ich bin sicher, dass einige der neuen Entwickler, die wir anstellen, KDE Spezialisten sein werden. Viele aus unserem Kernteam verwendeten bisher GNOME, so dass es sehr viel Aufmerksamkeit bekam. Ich denke du wirst überrascht sein zu hören, dass es nur zwei Leute bei Canonical gibt, die formell im GNOME Desktop Team sind - seb128 und dholbach.
Mit welchen Aspekten von Ubuntu bist du bisher noch nicht zufrieden, was benötigt noch am meisten Arbeit?
Artwork! Ich bin sehr froh darüber, dass wir die Anfänge eines starken Artwork Gemeinschaftsteams haben, aber es muss noch viel harte Arbeit getan werden. Zusätzlich sollten wir weiter unsere offiziellen Hardwaretests verbessen, damit wir vor jeder Freigabe wissen wo es funktioniert und wo nicht. Wir müssen weiterhin die Anzahl der Entwickler steigern um uns der Anzahl der Benutzer anzupassen, denn mehr Benutzer bedeuten mehr Anwendungsfälle, mehr Fehler und mehr benötigte Pakete.
Die Integration mit Windows ist wichtig. Wir möchten das angehen und dann zeigen, dass der freie Software Desktop wirklich die Erwartungen der Leute übertreffen kann. Derzeit werden die Erwartungen von den properitären Plattformen gesetzt. Es ist in etwa so wie bei den Browsern vor Firefox 1.5. Ich hoffe dass Compiz/Beryl eine unglaubliche Umgebung für die Innovation der Desktopmetapher wird und Telepathy/Galago die Bedeutung von "verbunden" für die Leute verändert. Wir müssen zeigen, dass die fantastische Integration von Anwendungen und dem Internet am besten auf die freie Softwarewelt passt. Es gibt also einiges zu tun.
Gibt es Pläne den Upgradeprozess reibungsloser zu machen? Das Edgy Upgrade ging für einige Leute nicht gut, was oftmals ihr eigener Fehler war, aber trotzdem.
Ja, das Team hat ein Upgradetool, welches entworfen wurde um den Prozess reibungsloser zu machen. Viele Leute ändern einfach nur die apt/sources.list um auf die neuen Releases zu verweisen und hoffen das Beste. Das kann nicht klappen. Wir müssen das Upgradetool noch weiter testen, mit jedem Release und mehr Zuarbeit aus der Community zu diesem Werkzeug. Also - bitte helft aus bei Edgy->Feisty.
Anmerkung: Wer helfen möchte das Upgradetool unter Kubuntu zu testen, findet unter https://wiki.kubuntu.org/KubuntuDistUpgrade mehr Informationen.
Welches war das härteste Stück Arbeit bei der Entwicklung von Ubuntu?
Das Aufrechterhalten einer klaren Vision, trotz des unglaublichen Wachstums der Gemeinde. Ubuntu ist in der Benutzerbasis, in den Derivaten (Ubuntu, Kubuntu, Xubuntu, Edubuntu, Ubuntu Studio, Guadalinex...) gewachsen, aber der Kern des Entwicklungsteams wuchs nicht so stark an. Glücklicherweise haben wir eine erstaunliche Gemeinde. Der Zuwachs darin und die Leute, die bereit waren dabei zu helfen Ubuntu eine Form zu geben machten das Wachstum erst möglich.
Was war der beste und was der schlechteste Moment seit das Ubuntu Projekt begann?
Die Freigabe von Dapper und der Fehler beim X Update.
Wie groß ist dein Einfluss bei der Entwicklung von Ubuntu. Wenn zum Beispiel 90% der Entwickler gegen ein Feature sind, würdest du sie überstimmen?
Alles ist Verhandlungssache :-) Es gibt zahllose Beispiele von Gelegenheiten, an denen ich nicht das durchsetzen konnte, was mir als das Beste erschien. Ich eifere und drängele heftig weil es mein Job ist - Türen öffnen, Mauern niederreißen, Herausforderungsdenken. In einigen Fällen liege ich im Nachhinein falsch.
Die Prozesse in der Gemeinde sind oftmals gut, wenn es darum geht eine Idee herauszuarbeiten und diese aus Sichtweisen zu betrachten, die ein Einzelner niemals in Erwägung ziehen würde. Jedoch ist es dabei sinnvoll jemanden zu haben, der eine feste Entscheidung treffen kann. Letztendlich jedoch hat jede Krafttat ihren Preis, also setze ich meine Entscheidungsgewalt sehr sparsam sein.
Ist es wahr, dass das Ubuntu Team mit Google zusammenarbeitet um ein Betriebssystem zu machen?
Ich denke es ist wohlbekannt dass die Leute von Google ein modifiziertes Ubuntu als Entwicklungsdesktop verwenden, es gibt aber keine Masterpläne darüber hinaus, soweit ich weiß.
Denkst du Ubuntu könnte zu groß für die freie Software Gemeinschaft werden? Obwohl Ubuntu selbst offensichtlich die Innovation vorrantreibt, denkst du andere Distributionen mit spezifischeren Zielen und experimentelleren Ideen könnten untergehen, weil die Leute darauf warten dass "Ubuntu es macht"?
Das ist der Grund warum die Leute Ubuntu forken sollten :). Ernsthaft, ich mag es wirklich wenn eine Gruppe sagt "das ist etwas dass sehr wichtig für uns ist und es ist nicht in Ubuntu." Macht Pakete, macht Derivate. Hoffentlich können wir diesen Prozess zukünftig leichter machen.
In Kürze werden wir es für die Leute einfacher machen ihre eigenen Versionen von Ubuntu Pakete zu bauen und diese zu veröffentlichen. Das wird es Teams erlauben bei speziellen Dingen, die sie für wichtig oder cool halten, zusammenzuarbeiten. Wenn solche Sachen in den Kern gehören werden wir das früh genug in Erfahrung bringen, basierend auf dem Input von Orten wie den Foren, welche für uns eine gute Quelle hinsichtlich "was die Leute wollen" darstellen.
Wie siehst du die Zukunft von Office Suiten in Ubuntu? Derzeit wird OpenOffice.org bei Ubuntu und Kubuntu in der Standardeinstellung mitgeliefert. Würdest du einen Wechsel zu KOffice in Kubuntu befürworten, wenn es als "reif genug" betrachtet wird? OpenOffice.org ist praktisch die einzige Desktopanwendung in Kubuntu, die nicht KDE basiert ist.
Interessante Frage. Auf der einen Seite profitieren wir alle enorm von OpenOffice, weil es plattformübergreifend ist. Es ist ein richtiger Keil geworden, der den Leuten hilft von properitärer Software wegzukommen. Sie können es auf Windows laufen lassen und dann zu Linux wechseln. Auf der anderen Seite benötigt das Projekt ganz dringend wirkliche Hilfe von der Community. Ich wünsche mir manchmal, dass wir hätten unsere ganze Energie auf KOffice und GnomeOffice gerichtet, denn sie sind viel agiler, schlanker und viel schneller ... viel bessere Beispiele dafür, wie sich freie Softwareprogramme anfühlen sollten. Ich denke das OpenOffice.org Team sieht sich einem Fork gegenüber. Wenn die KOffice Jungs ihre Interoperabilität mit MS Office anpassen können, dann denke ich dass KOffice die bessere Alternative sein würde.
Warum sind properitäre Treiber okay, aber properitäre Software wie Adobe Acrobat nicht?
Treiber erlauben freier Software zu glänzen, sie machen es für freie Anwendungen möglich an Geschwindigkeit zuzunehmen. Die Linie ist ein wenig willkürlich ... Firmware, Treiber, X Treiber, FCC-konforme Sachen ... aber nach vielen Diskussionen vor langer Zeit entschieden wir, dass wir sichergehen wollen dass das Betriebssystem auf deiner Hardware einfach läuft und danach nur freie Software installiert.
Die Leute wollten unbedingt Java, aber wir ließen es draußen bis es unter GPL lizensiert wurde. Die Leute heutzutage wollen unbedingt Flash, aber wir fügen es nicht ein. Hoffentlich ist das eine Motivation für Leute, die freie Versionen dieser Anwendungen schreiben, was ein besser machbarer Ansatz ist als freie Treiber für undokumentierte Hardware. Ich glaube wir können über die Hardwarejungs gewinnen, aber wir müssen uns mit ihnen über die Zeit arrangieren. Bringe die Benutzer dazu Hardware auszuwählen, die gegenüber freier Software freundlich ist. Baue deine Argumente auf der Sicherheit und dem Support anstatt der Ideolgie auf. Auf diese Weise werden wir es schaffen.
Wie können wir die Grafikkartenhersteller dazu überreden sich zu öffnen? Wie können wir Spieleentwickler und Benutzer anziehen?
Erstens müssen wir erreichen dass sie sich für die Linuxplattform interessieren. Das bedeutet - erhalte Dutzende, Hunderttausende von Benutzern. Ohne das haben sie nicht mal den Anreiz Geld auszugeben um über diese Frage NACHZUDENKEN. Zweitens müssen wir ihnen zeigen, dass sie davon profitieren werden, wenn sie offen sind. Dass ihre Produktionskosten verringert werden und ihre Qualität steigen wird. Ich würde beispielsweise gerne von Intel hören, welche Erfahrungen sie gemacht haben. Drittens müssen wir zeigen, dass sich ihre Wettbewerbsposition verbessern wird. Wenn wir also Benutzer von NVidia zu ATI treiben und es viele Benutzer gibt, die ihre Kaufentscheidung darauf aufbauen, dann wird dies NVidia bemerken und dementsprechend handeln. Wir müssen Einfluss sammeln und diesen dann verwenden.
Hast du dir etwas Zeit genommen um das neue Windows Vista zu testen und wenn ja, was ist deine Meinung darüber?
Ich habe eine frühe Beta von Vista unter VMWare laufen lassen, was aber keine gute Testumgebung ist. Ich denke MS hat damit gute Arbeit geleistet. Obwohl ich natürlich denke, dass es für sie besser gewesen wäre etwas bescheidenere Freigabeziele zu setzen und es sogar früher auszuliefern anstatt der Tortur, die sie auf sich genommen haben.
Ich habe mir die Art wie MS zu seiner Community steht angesehen. Ich denke sie haben die freie Softwarewelt studiert und versucht davon zu lernen wie man eine Community aufbaut. Offene Bugtracker, Unterricht für Betatester wie man wirklich gute Fehlerberichte abgibt, viele interaktive Sitzungen zwischen Entwicklern und Testern. Sehr interessant, Respekt für sie.
Wir werden unser Spiel im wesentlichen erhöhen müssen um konkurrieren zu können. Wir werden über die nächsten fünf Jahre innovativer sein müssen als sie. Ich denke es ist für uns möglich den Desktop im Sturm zu erobern, aber es wird nicht "einfach passieren".
Können wir etwas von Apple, in Bezug darauf Benutzer zum Wechsel von Windows zu bewegen, lernen? Wie siehst du OS X?
Ich denke wir können sehr viel von Apple in Bezug auf "was Benutzer wollen" lernen. Allerdings wollen wir nicht ihren Weg der properitären AAC-Hölle gehen. OS X ist ein gutes Beispiel dafür was hinsichtlich der Benutzererfahrung bei UNIX möglich ist, deshalb lasst uns zeigen dass es noch besser, noch offener sein kann.
Vor drei Jahren existierte Ubuntu Linux noch nicht. Wo siehst du Ubuntu im Oktober/November 2009?
Hoffentlich beschleunigt es weiterhin das Bewusstsein und die Annahme von Ubuntu bzw. freier Software. Ich denke wir haben einen unglaublichen Fortschritt gemacht. Ich bin sehr stolz auf die Arbeit, die diese Gemeinschaft produziert und sehr glücklich helfen zu können das zu unterschreiben. Wir können die Welt verändern also lasst uns am Ball bleiben.





